Zuhören, übersetzen, Brücken bauen: Einblick in die Betriebsratsarbeit innerhalb der Börsenvereinsgruppe
Drei Perspektiven auf die Mitbestimmung im Alltag
Frischer Wind hat Einzug gehalten in die beiden Betriebsräte der Börsenvereinsgruppe. Nach der Wahl haben sich die Gremien neu aufgestellt. Ein guter Anlass, mit drei Mitgliedern über die Arbeit im Betriebsrat und ihre Motivation zu sprechen: Elise, die ganz neu dabei ist, Astrid, seit Kurzem festes Mitglied nach ihrer Zeit als Nachrückerin, und Stefan, der auf über ein Jahrzehnt Betriebsratserfahrung blickt.
Was macht ein Betriebsrat im Arbeitsalltag eigentlich konkret?
Astrid beschreibt die Rolle mit einem Bild: "Wir sitzen alle in einem Boot, mit einem gemeinsamen Ziel. Als Betriebsrat tragen wir dazu bei, dass wir eine gute Kultur an Bord haben: mit respektvollem Umgang, nachvollziehbaren Entscheidungen und fairen Rahmenbedingungen.“ Der Betriebsrat ist für Astrid eine wichtige Instanz, die frühzeitig auf Schieflagen hinweisen und Lösungen vorschlagen kann.
Für Stefan lässt sich das auf einen Nenner bringen: "Es geht um zwei Kernaufgaben: Zuhören und Fairness sicherstellen. Wir sind eine Anlaufstelle, die die Anliegen der Kolleginnen und Kollegen aufnimmt, übersetzt und in die richtigen Kanäle transportiert. Es geht darum, verlässliche Spielregeln zu schaffen, die für alle gelten und Brücken zu bauen, um gemeinsame Lösungen zu finden."
Sichtbar wird diese Arbeit meist dann, wenn aus Gesprächen tatsächlich etwas Verbindliches wird – etwa einer neuen Betriebsvereinbarung, auf die sich Betriebsrat und Geschäftsführung gemeinsam verständigt haben. Dabei zählt für ihn nicht nur der große Wurf, sondern der machbare Schritt: "Besser a Pflänzche setze als über 100 schwätze."
Elise ergänzt die Innenperspektive der Belegschaft: "Die Menschen müssen spüren, dass ihre Anliegen bei uns ernst genommen werden und wirklich ankommen. Dieses Vertrauen ist die Basis für alles."
Welche Fähigkeiten braucht man für diese Aufgabe?
"Zuhören können!", kommt es von allen dreien unisono. Doch es gehört mehr dazu. "Man muss die Dinge nüchtern analysieren können und absolut diskret sein. Was unter vier Augen gesprochen wird, das soll auch unter vier Augen bleiben – ohne Vertrauen geht es nicht", erklärt Stefan.
Elise ergänzt einen weiteren wichtigen Aspekt: "Man sollte auch eine gute Portion Empathie mitbringen, um verschiedene Blickwinkel einnehmen zu können und zwischen unterschiedlichen Positionen zu vermitteln."
Warum haben sich die drei entschieden, im Betriebsrat mitzuwirken?
Bei Elise hängt die Entscheidung auch mit ihrer Geschichte im Haus zusammen: ”Ich fühle mich dem Haus seit meiner Ausbildung bei der MVB 2010 verbunden und bin seit gut zwei Jahren wieder in der Börsenvereinsgruppe. Es war für mich ein guter Zeitpunkt, mich einzubringen – nicht nur zu kommentieren, sondern auch mitzuwirken."
Stefan ließ sich nach anfänglichem Zögern von einer Kollegin überzeugen, selbst Verantwortung zu übernehmen. Ihr Argument, das ihn schließlich für die Betriebsratsarbeit gewann: „Wenn sich niemand engagiert, kann sich auch nichts verbessern."
Astrid hat der Betriebsrat selbst überzeugt, noch bevor sie Mitglied war: "Als ich bei der Frankfurter Buchmesse anfing, war ich positiv überrascht, wie engagiert und professionell der Betriebsrat hier agiert. Daraus hat sich mein Antrieb entwickelt: Ich möchte diesen Status halten und weiterentwickeln."
Wie sehr verändert einen die Betriebsratsarbeit persönlich?
"Sie weitet den Blick“, sagt Stefan. Denn über die Jahre verändert die Arbeit auch den Umgang mit schwierigen Situationen. „Wo ich früher einen Puls von 180 hatte und Dinge viel schneller lösen wollte, bin ich über die Jahre ruhiger geworden. Heute habe ich die Gelassenheit zu wissen, dass man unterschiedliche Interessen erst einmal nebeneinanderstehen lassen kann und Schritt für Schritt zu einer fairen Lösung findet."
Eine Entwicklung, die Astrid bestätigt: "Man wächst definitiv ein gutes Stück mit seinen Herausforderungen und Erfahrungen, die sich in den Jahren ansammeln. Denn neue Situationen erfordern auch immer neue Anpassungen." Sie selbst beschreibt sich als eher ausgleichend, kann aber gut nachvollziehen, dass man am Anfang emotionaler an die Sache herangeht.
Und Elise, die Neueinsteigerin? Sie blickt gespannt in die Zukunft: "Ich stehe noch ganz am Anfang. Aber es hilft mir vermutlich, dass ich vieles eher analytisch und weniger emotional angehe. Ich bin sehr gespannt, was mich da noch so erwartet."
Was schätzen die drei über ihr Engagement im Betriebsrat hinaus an ihrer täglichen Arbeit?
Astrid antwortet ohne Zögern: "Die Zusammenarbeit im Team ist großartig, man unterstützt sich gegenseitig. Ob bei den kleinen Momenten im Alltag oder wenn wir gemeinsam eine große Messe auf die Beine stellen."
"Jeder Tag ist anders. Durch bestimmte Neuigkeiten und Nachrichten kann die Tagesplanung komplett durcheinanderkommen, dann wird alles ganz anders, als ich dachte. Dort anzurufen, hier eine Meinung einzuholen, Hintergründe zu erfahren, da ein Interview zu machen – das macht unverändert großen Spaß. Und ich freue mich richtig auf meine Kollegen, gerade am Präsenztag, wenn ich sie live sehe und nicht nur am Bildschirm", so Stefan.
Für Elise ist es zudem die inhaltliche Leidenschaft: "Es ist ein tolles Gefühl, gemeinsam an etwas Sinnstiftendem zu arbeiten in einer guten Atmosphäre. Mein Herz schlägt für die Buchmarktzahlen, weil man daran die Entwicklung der ganzen Branche ablesen kann."
So verschieden ihre Wege in den Betriebsrat auch waren, am Ende landen Elise, Astrid und Stefan bei derselben Erkenntnis: Zuhören ist der Anfang von allem.